March 22, 2010

JOURNALISM WATCH: MIT EINEM VIERTEL WENIGER JOURNALISTEN WERDEN WIR EIN DREI VIERTEL BESSERES PRODUKT MACHEN (GLAUBT IHR DOCH SELBST NICHT)

Die Redaktion der Münchner "Abendzeitung" steht vor einem erheblichen Stellenabbau. Wegen der "schwierigen wirtschaftlichen Situation" müssten in der Redaktion 22 von derzeit rund 80 Stellen abgebaut werden, teilte die Tageszeitung am Montag mit.

Betroffen davon seien sowohl die Text- und Bildredaktion als auch das Layout. Geschäftsführer Dieter Schmitt habe am Montagmorgen die Belegschaft über den Personalabbau informiert.

Das Münchner Boulevardblatt wird sich den Angaben zufolge künftig "noch mehr als bisher auf ihre größte Stärke, die Lokalberichterstattung aus München", konzentrieren.

Chefredakteur Arno Makowsky sagte, die "Abendzeitung" werde auch mit weniger Redakteuren als bisher "ein Produkt in der gewohnten journalistischen Qualität herausbringen". Dazu sei bereits ein neues redaktionelles Konzept entwickelt worden.

Schmitt sagte der Nachrichtenagentur ddp, Hintergrund der geplanten Entlassungen seien sowohl Anzeigen- als auch Vertriebsrückgänge. Mit dem Stellenabbau werde sofort begonnen.

Den wichtigsten Satz aus dieser Pressemitteilung, den wollen wir dann doch noch einmal gesondert hervorheben. Mit nur noch 75 Prozent der Leute in der Redaktion will man sich "noch mehr als bisher auf ihre größte Stärke, die Lokalberichterstattung aus München" konzentrieren. Ja, da legst di nieder!

Diese unverfrorene Lüge, die aus dem Mund des Chefredakteurs hier kommt, die kennt jeder, der schon einmal – wann auch immer – in einer Lokalzeitung gearbeitet hat. Lokalnachrichten sind das Brot und Butter bei vielen Zeitungen, und es sind diese Nachrichten, die man nicht billig über Agenturen zusammenkaufen kann.

Oder zumindestens konnte.

Schon seit Beginn der 90er Jahre gab es eine immer weiter ausufernde Tendenz, den Großteil der Lokalnachrichten von freien Mitarbeitern schreiben zu lassen, welche dann mit Mini-Honoraren abgespeist wurden... und der Hoffnung, dann doch irgendwann einmal Volontär zu werden, bitte, ich hab' schon sehr lange für Euch im Schützengraben gesteckt, ich bin doch wertvoll, oder? Bitte gebt mir eine Volontärsstelle, bei der ich dann weitere zwei Jahre genau das mache, was ich ohnehin schon jetzt mache, aber dann mit der Hoffnung, daß ich vielleicht dann doch einmal Redakteur werde. 

Das große Ziel. Redakteur. Jippie! Wo man dann wiederum genau dasselbe macht wie vorher als Freier. Und irgendwann einmal kam das Management dann dahinter. Hm. Warum überhaupt Redakteure? Freie sind doch viel besser! Billig. Man braucht sie nicht nach Tarif bezahlen. Sie machen sich selbst kaputt. Wochenende? Da sam mer dabei, das is prima!

Keine Krankenversicherungen! Keine Sozialabgaben! Und ein kaum versiegender Influx von neuen Kräften, immer dem Rufe nach Ruhm folgend!

Warum es mit dem Journalismus bergab geht?

Ganz einfach. Weil es gerade in der Medienbranche ein neues System gibt. In anderen Branchen nennt man das noch die Generation Praktikum. In der Medienbranche heißt's einfach nur, "das ist halt das Tagesgeschäft, so isses halt".

Wahrscheinlich werden die Journalisten, die hier entlassen werden, ebenfalls denselben Job weiter machen, bloß nun als "Freie". Kommt schon, Kinders, ihr wart doch sowie nicht glücklich, als man Euch noch in den Redaktionsräumen festgehalten hat. Nun seid ihr frei! Lauft! Springt herum! Whoooohoo!

Nur wird es bei dieser Entwicklung (im gegensatz zu den Entwicklungen bei Schlecker und Lidl und... und.. und...) keine Sondersendung bei Anne Will oder Maybrit Ilgner geben, und Ursula von der Leyen wird sich auch einen feuchten Kehrricht darum kümmern, denn der Journalisten-Sklave, den interessiert niemanden in dieser, unserer Welt.

Und außerdem, die wollen doch schreiben, gell?

Sollen doch froh sein, daß sie überhaupt jemand veröffentlicht.

Hm. Müßten sie eigentlich uns noch dafür Geld geben!

Aber auch das wird noch kommen